Geschichte des Strandkorbs

Foto: Kurpromenade Westerland (Sylt) in den 1950er Jahren.

Die Kurpromenade in Westerland in den 1950er Jahren. Der Nordsee-Strandkorb nach Sylter Art, mit seinem kantigen Design ganz der rauhen See verschrieben, ist zum Inbegriff des Strandkorbs geworden.

Vor 130 Jahren saß im Juni 1882 eine Frau am Strand von Warnemünde und erstaunte die Vorübergehenden. Der Grund: Ihr merkwürdig geformtes, auffälliges Sitzmöbel aus Weiden und Rohr. Elfriede von Maltzahn saß im weltweit ersten Strandkorb, gefertigt in Ihrem Auftrag von Korbmacher Wilhelm Bartelmann in Rostock! Als gleichzeitiger Sonnen- und Windschutz war der bequeme Einsitzer die ideale Lösung für die adelige Dame, die an schwerem Rheuma litt.

In Rekordzeit erreichte Bartelmanns Entwicklung kurz darauf ebensolche Rekordzahlen im Verkauf und verbreitete sich in immer fortschrittlicheren Modellen mit Windeseile an den Küsten. Bartelmann selbst ersann außerdem die erste Strandkorbvermietung und baute den ersten Zweisitzer. Dann holte ihn der Wettbewerb ein. Denn ein Patent fehlte.

Der rundliche Ostsee-Strandkorb machte den Anfang.

Bartelmanns Strandstuhl fand überall Nachahmer, die gemeinsam viel Kreativität bewiesen. Es kamen Ausklapptischchen und Fußablagen dazu, der schützende Oberbau wurde beweglich und entwickelte sich zum Halb-, später zum Ganzlieger. Selbstredend, dass nicht nur die gesamte Ostseeküste, sondern sehr bald auch unsere Nordseestrände mit den neuen Sitzgelegenheiten bestückt wurden.

Dabei bildeten sich vor allem stilistische – oder sagen wir: wichtige charakterliche Unterschiede heraus. Unser Nordseetyp des Strandkorbs ist viel kantiger, wie es zu der raueren See passt, während es an der Ostsee beschaulicher zugeht und dazu die dortigen rundlichen Formen besser passen.

Beide Modelle werden bis heute per Hand geflochten. Einen ganzen Arbeitstag dauert das Flechten des Korbes und keiner gleicht hundertprozentig dem anderen.

Heute sind die schicken Strandsitze mit Armlehnen, Polstern, Markisen und regendichten Dächern ausgestattet. Unter der Sitzklappe lassen sich Kinderspielzeug und Sandschippen unterbringen. Ein Gitter samt Schloss schützt vor Langfingern und ungebetenen Gästen. An den stabilen Haltegriffen gegen den Wind gedreht, halten Strandkorbfans es bei jedem Wetter zumindest eine kleine Weile darin aus.

Meist sieht man Zweisitzer, selten Dreisitzer. Doch werden bei uns auf Sylt auch richtiggehend revolutionäre Modelle gefertigt, von denen Bartelmann nur träumen konnte: Eingebaute Rundfenster erlauben es den bis zu sechs Personen, die sich in U-Form um einen schmalen Mitteltisch gruppieren, auch andere Landschaftsseiten zu betrachten. Die patentierte Gosch-Lounge sieht so typisch urwüchsig und gleichzeitig logisch fortentwickelt aus, dass man sich wundern muss, warum niemand früher auf diese wunderbare Idee gekommen ist.

Somit lebt der innovative Geist der Bartelmann’schen Erfindung auf Sylt weiter fort, lange nach dem die Orginalwerkstatt in Rostock der Zerstörung des Krieges zum Opfer gefallen ist.

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